Ich bin im Moment völlig blockiert. Eine mir altbekannte Stimme hat sich wieder in meinem Kopf eingenistet. Ich habe einen sehr anstrengenden Drang nach Perfektion, alles was nicht perfekt wird frustriert mich und dann handle ich nach dem Motto „Wenn nicht perfekt, dann gar nicht“. Und das Ganze passiert nicht einmal bewusst. Ich bin sozusagen drauf programmiert.
Woher das kommt weiss ich leider nicht. Ich habe mich gestern auch mit meiner Therapeutin darüber unterhalten. Auf jeden Fall ist es spannend wie sich alles miteinander verwebt. Die Gespräche mit P. Radelfinger und meiner Therapeutin, meine Erlebnisse und die zeichnerischen Ergebnisse. Es wird sicher ganz viel Staub aufgewirbelt, der sich angesetzt hatte…Nur bezieht sich das Ganze immer auf meine Vergangenheit und ich habe das Gefühl dort drin festzuhangen und ich schaffe es ganz einfach nicht ins „Jetzt“.
Und der Gipfel ist wohl, dass mir die Therapeutin (einmal mehr) gesagt hat, ich hätte mich noch nicht von meinen Eltern abgelöst. So wie ich mich beim Zeichnen nicht vom Staub (dem Perfektionismus und den alten Idealen) ablösen kann, so kann ichs im Leben nicht von meinen Eltern.
Nun gut, was heisst das jetzt für meine Arbeit. Ich könnte zwei Wege gehen: Ich kann mich dem Perfektionismus unterordnen und versuchen herauszufinden, wie nahe ich an die „Perfektion“ komme und die damit verbundene Zufriedenheit. Das heisst ich würde weiterhin Fotos abzeichnen.
Der andere Weg wäre der Versuch gegen den Perfektionismus zu arbeiten. Alles so unperfekt wie möglich zu zeichnen. Krakeln, kritzeln. Blind zeichnen, auf dem Kopf abzeichnen. Das tönt nach mehr Action, löst jetzt aber auch einen gewaltigen inneren Widerstand in mir aus. „Wohin soll das denn führen?“
Und dann die grosse Frage wo die Kreativität dabei bleibt. Eine Frage, die zu noch mehr Blockaden führt. Darum sollte ich sie für den Moment ignorieren. Ich hoffe, das nimmt mir niemand übel.
Ich werde jetzt wohl so vorgehen: Ich zeichne weiterhin Fotos ab, versuche perfekt zu sein. Danach versuche ich dasselbe Foto auf dem unperfekten Weg zu behandeln. So befriedige ich einerseits den Perfektionismusdrang (ganz kann ich das ja eigentlich nie) und andererseits versuche ich ihm etwas entgegenzusetzen.
anscheinend sind wir irgendwie verwandt…
da könnte also statt der mangelnde ablösungsleistung (damit sind die züchologen immer schnell zur stelle) auch eine genetische disposition schuld sein, mit der man dann seine kämpfe ausfechten kann. wirf mal einen blick auf grossvater zieglers aquarelle, urgrosstantchens blumenbildchen oder onkel p’s langweilige ideenlose landschaftsbildchen an. denn geshschwanimeine.
ich muss mir glaub auch mal eine therapöse zulegen. dann könnte ich sie fragen.
abgesehen davon: perfektion hat auch was gutes. vielleicht muss man gar nicht ums verrecken dagegen ankämpfen. auch wenn das der schulstil erwartet.
Wow. Dann darf ich das meiner Familie anhängen? Mal schauen ob meine Mentoren das als Entschuldigung annehmen, hehe ^^
Ich meine mit Perfektionismus auch nicht unbedingt nur das perfekte Abbilden, sondern auch das perfekte Ausführen der Aufgabe, also es gut machen wollen. Die Aufgabe zur Zufriedenheit aller zu lösen. Und wenn ich merke, dass ich das nicht kann, dann löschts mir ab. Schon bevor ich allzu weit gekommen bin. Und das Problem hab ich überall im Leben. Was meinst du wieso habe ich aufgehört zu Reiten, zu Kampfsportlern, etc. Ich gerate auf ein Lernplateau wo nichts mehr vorwärts geht, müsste mich dann exponieren und Sachen machen, die ich halt noch nicht kann und wo ich halt noch nicht perfekt drin bin. Davor hab ich aber schiss und dann klemm ich…Blockade. War immer so. Habs so satt.
Und dann hör ich von allen Seiten “Lisa lös dich doch mal von dem und von diesem und jenen, sei frecher, mach doch einfach mal, kümmer dich nicht drum was andere denken, etc.” Dann kommt die Therapöse die mir sagt, ich habe mich noch nicht von meinen Eltern gelöst (das hör ich doch ganz gern, aaarrrgghh).
Die grosse Loslösung scheint mein Lebensthema zu sein.
Vielleicht gelingt mir ein erster Schritt dazu in dieser Arbeit. Vielleicht auch nicht…
Natürlich.
Dabei ist es ganz einfach: Kunst ist, wenn man’s nicht kann. Denn wenn man’s kann, ist’s keine Kunst…
Klar spüren wir alle den Perfektionismusdruck. Und es ist verrückt, wie mehr bzw. weniger erfolgreich wir damit umgehen. Die Beispiele kennst du zur Genüge.
Klar kann man den Perfektionismus als Kreativitätskiller ansehen. Aber gleichzeitig ist es auch kreativ und spannend, die entscheidende Ecke zu finden, die etwas perfekt macht.
Abgesehen davon müsste man mal genau schauen, wovon wir hier reden. “Perfekt” ist für Laien eine Auszeichnung, für die Kunstgewerbeschule (sorry, Hochschule) ein Schimpfwort, für die Therapöse ein freies Stück Wand, an dem sie ihren Freud festnageln kann, und für uns gleichzeitig eine Triebfeder und eine Bremse ohne Antiblockiersystem.
Allenfalls ist perfekt einfach das falsche Wort für das Problem!
Vielleicht sollte man zum Anfang mal einfach in allem, was man macht, einen kleinen Perfektionsbrecher einbauen. Extra und grad zleid. Und vielleicht mal einen grösseren. Schauen, wieviel es erträgt. Grundsätzlich umkrempeln können wir uns eh nicht.
So wie der alte Chinese, der seinen Sohn den Gartenweg vom Laub befreien lässt. Und nachdem alles fertig ist, schmeisst er wieder ein Blatt auf den Boden. Denn die Gäste sollen mit sauberen Schuhen zum Haus kommen, aber er will sie die Arbeit nicht spüren lassen, die man sich für sie gemacht hat …